Bloggen oder blocken – Web 2.0 in Unternehmen

In der Live Session von time4you ging es vergangene Woche um die Frage „Web 2.0 – was bedeutet das für das Lernen in Unternehmen?” Als Gastreferent mit dabei war Dr. Jochen Robes vom Weiterbildungsblog. Er schilderte u.a. wo Unternehmen derzeit stehen, wenn es um Web 2.0 geht und wie das Lernen mit solchen Technologien verbessert werden kann. Seine wichtigsten Thesen und einige Eindrücke aus der anschließenden Diskussion möchte ich hier wiedergeben.

Aus Sicht von Jochen Robes reicht die Bandbreite, wie Unternehmen derzeit auf das Thema reagieren von ignorieren über „da einsetzen, wo es passt“ oder umfassenderen unternehmensweiten Projekten bis hin zur radikalen Option, dem Unternehmen als Enterprise 2.0. Die Synaxon AG, die stark auf Blogs und (öffentliche) Wikis setzt, ist dafür ein Beispiel.

Robes nannte einige Ansatzpunkte, um Web 2.0 Technologien für das Lernen zu nutzen und damit zu verbessern:

  • Lernen in der Arbeit, ausgerichtet an realen Aufgabenstellungen,
  • Lernen als Prozess verstanden, nicht „nur als WBT, als Kurs, der einmalig bearbeitet wird“,
  • Informelles Lernen (jenseits von Lernplattformen) oder „on demand, bei Bedarf“,
  • die Aufnahme der „Erfahrungen und Inhalte der Lerner“ (Stichwort „user-generated content“),
  • Lernen als interaktiver Prozess, durch den „andere Lerner, Kollegen, Experten und ihre Beiträge sichtbar“ werden (Communities, Social Networks).

User generated content war auch Thema in der anschließenden Diskussion, die Christina Neuhoff, time4you, moderierte. Insbesondere der Punkt, ob bzw. wie Inhalte in einem Unternehmens-Blog oder -Wiki zu kontrollieren sind, warf Fragen auf. In größeren Unternehmen bzw. dort wo bei Fehlinformationen rechtliche Konsequenzen drohen (z.B. in der Finanzbranche), ist es dabei durchaus üblich, einen Verantwortlichen zu benennen, der Beiträge im internen Wiki oder Blog freischaltet.

Auf reges Interesse stieß die Frage der Beteiligung an Social Networks und wie man Communities am Laufen halten kann. Wir ahnen es: eine Patentlösung dafür gibt es nicht. Eine Aufteilung der Nutzer in 50%, die nur konsumieren, 40% die ab und an aktiv und 10 % die regelmäßig aktiv sind, kann durchaus als Normalfall betrachtet werden. Motivierend und damit erfolgreich ist die Integration von Web 2.0 meist dann, wenn „alte“ Prozesse, die z.B. überwiegend auf Email-Kommunikation basieren, auf einen Wiki oder Blog übertragen werden. Dadurch kann Zeit eingespart und dann ein spürbarer Mehrwert generiert werden.

Diese Einschätzung bestätigt aktuell auch Don Tapscott in einem Interview mit dem Handelsblatt: „E-Mail kann eine gewaltige Zeitverschwendung sein. Wir müssen über die E-Mail hinweg kommen – in Richtung Social Networks und Wikis und Blogs und kollaborative Filtertechniken.“ Wir machen diese Erfahrung gerade selbst in unserem Projekt LERNET 2.0: die gesamte Projektkommunikation wickeln wir über einen eigenen Blog ab. Der weitgehende Verzicht auf Emails ist ausgesprochen wohltuend.

In Erinnerung bleiben wird mir auch die abschließende Schlussfolgerung von Christina Neuhoff: „Eine bloggende ist besser als eine blockende Führungskraft“. Wie bei den meisten Change-Prozesse kann man die Rolle von Führungskräften auch bei Einführung von Web 2.0 ins Unternehmen kaum überschätzen. Unterstützung durch die richtigen Stellen ist fast schon erfolgssichernd.

4 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 23. September 2008 um 09:31 | Permanenter Link

    Die Angst der Unternehmen vor User-Generated Content (UGC) in Unternehmens-Blogs oder -Wikis und deren rechtliche Konsequenzen sagt sehr viel über das Führungsverständnis und das Mitarbeiterbild aus. Seit Jahrzehnten fordern die Unternehmen den “mündigen” Mitarbeiter und wollen diesen zu (Mit-)Unternehmer “befähigen”. Mit Web 2.0-Lösungen können die Mitarbeiter nun aktiv mitwirken und mitgestalten, und schon gibt es Bedenken.

    Sind die Bedenken begründet? Die Mitarbeiter in den Unternehmen treffen heute mit jeder Handlung Entscheidungen, die kritisch sein können. Niemand kann und will erstmal im Einzelfall zentral kontrollieren, ob die Inhalte dieser Entscheidungen richtig oder falsch sind. Vielmehr gibt es eine Reihe von Managementsysteme (Prozessmanagement, Risikomanagement, Qualitätsmanagement usw.), mit denen man sicherstellt, dass sich alle Akteure im Hinblick auf die rechtlichen Konsequenzen “richtig” verhalten.

    Die Frage ist daher nicht, ob man User-Generated Content zulassen kann, sondern wie ein Governance-Konzept dafür aussieht. Web 2.0-Lösungen erweitern sogar den Lösungsraum für Governance-Konzepte, etwa über Peer- und Community-Ansätze.

    Ein anderer Ansatzpunkt ist die Überlegung, wer eigentlich in den Unternehmen die Experten sind. Natürlich gibt es in der (schulischen und universitären) Aus- und Weiterbildung so etwas wie eine “zentrale Autorität” für grundlegende inhaltliche Themen. Im Unternehmensalltag gibt es diese “zentrale Autorität” für die meisten Themen nicht. Die Experten sind die Mitarbeiter, daher sollte man User-Generated Content in den Unternehmen eher als Expert-Generated Content verstehen.

    Noch nicht davon überzeugt? Welche Rolle spielen in den Unternehmen solche Initiativen wie Mitarbeiterbefragungen, Wissensmanagement, Ideenmanagement, Kompetenzzentren oder KAIZEN? Mit Web 2.0-Technologien hat man in den Unternehmen nun mächtige Werkzeuge in der Hand, die Ziele, die hinter diesen Initiativen stecken, effizient und effektiv umzusetzten.

    Wer solche Initiativen in den Unternehmen fordert, sollte und darf vor Web 2.0-Technologien keine Angst haben. Oder sollte der in vielen Unternehmen zu findende Allgemeinplatz “Die Mitarbeiter sind unsere wichtigste Ressource!” nicht Ernst gemeint sein?

    Spannend finde ich angesichts der Bedenken rund um die aktive Involvierung der Mitarbeiter dann die Frage, was sollen wir denn mit den 50% der Mitarbeiter machen, die nur passiv konsumieren? Müsste man bei den Ängsten vor “User Generated Content” nicht froh sein, wenn sich nur 10% der Mitarbeiter aktiv beteiligen? Zunächst einmal ist es eine tolle Führungsaufgabe, den Grad der aktiven Beteiligung der Mitarbeiter zu fördern. Zum anderen eröffnen Web 2.0-Lösungen aber auch Ansätze einer Mitwirkung jenseits der 10%-Grenze. Aber dazu will ich an dieser Stelle nur auf einen anderen Kommentar zur “Ungleichverteilung der Akteure” hinweisen.

    Fazit: Web 2.0 ist ein Prüfstein, ob wir wirklich aktive und selbständig handelnde Mitarbeiter in den Unternehmen wollen. Sicher braucht man rund um Web 2.0 noch eine Menge an neuen Führungs- und Managementkonzepten. Vieles ist aber auch eher eine Evolution der bestehenden Ansätze. Gerade mittelständische Unternehmen können hier einen Vorteil haben, da diese sich schon immer durch Innovation, Flexibilität und Kreativität ausgezeichnet haben und dabei auf ihre Mitarbeiter gebaut haben.

  2. Veröffentlicht am 27. September 2008 um 00:03 | Permanenter Link

    Angst vor nutzergenerierten Inhalten in Unternehmen? Exzesse wie an mancher Stelle im Internet? Ich denke, dies ist eine unbegründete Sorge. Die Mitarbeiter unserer Unternehmen sind in aller Regel verständige und mitdenkende Kollegen. Im Gegensatz zu manch anonymer Internet-Spielwiese sind ihre Aussagen im Intranet einsehbar und auch im Nachhinein noch nachvollziehbar. Autoren in unseren Intranets werden sich also von ganz allein gut überlegen, was, worüber in welchem Ton geschrieben wird, denn es könnte durchaus einmal einen Einfluss auf die spätere Laufbahn haben. Es greift ein positiver Selbstregulationsmechanismus.

    Die Angst vor nutzergenerierten Inhalten ist aus meiner Sicht unbegründet. Vielmehr erleben wir in unserer Projektpraxis immer mehr Begeisterung über das, was der lebendige Austausch von Ideen im Intranet hervorbringen kann.

  3. Veröffentlicht am 15. Januar 2009 um 18:39 | Permanenter Link

    Wo Unternehmen derzeit stehen, wenn es um Web 2.0 geht, darüber gibt auch die aktuelle Studie “Elektronischer Geschäftsverkehr in Mittelstand und Handwerk 2008″ des E-Commerce-Center Handel am Institut für Handelsforschung Köln http://www.ecc-handel.de Auskunft. Ein wichtige Aussage der Studie ist: Der Mittelstand betrachtet Web 2.0 skeptisch. Insbesondere die rechtlichen Risiken und die Gefahr des Missbrauchs durch externe Nutzer sehen die befragten 2.660 Unternehmen mit deutlichem Abstand als größtes Risiko von Web 2.0-Diensten und -Anwendungen an.

  4. Axel Wolpert
    Veröffentlicht am 15. Januar 2009 um 21:04 | Permanenter Link

    Wir haben über die Studie “Elektronischer Geschäftsverkehr in Mittelstand und Handwerk 2008″ bereits hier im Blog kurz berichtet: http://www.lernetblog.de/2008/11/21/zurueckhaltung-gegenueber-web-20-anwendungen/ Dort finden Sie auch einige interessante Kommentare.

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