Über das LERNET-Projekt NetLIm und was daraus geworden ist, hatte ich ja schon berichtet. Zur Erinnerung: es geht um Netzbasiertes Lernen für die Immobilienwirtschaft. NetLIm hat längst den Projektstatus überwunden und wir sprechen vom Einsatz von E-Learning Produkten und Anwendungen in der doch eher konservativen Immobilienbranche.
Dr. Herbert Müller Phillips Sohn (Foto) vom FBD Bildungspark war nicht nur Projektleiter sondern ist E-Learning Anbieter und Experte für diese Branche. Ich wollte von ihm wissen, was NetLIm für die Immobilienwirtschaft gebracht hat und wie es derzeit auf diesem Markt für E-Learning aussieht. Interessiert haben mich dabei sechs Bereiche:
- Marktbedarf
- NetLIm heute
- Qualität
- Technik
- Projektrückblick
- Ausblick
- Praxiscommunity
Hier nun das vollständige Interview.
MARKTBEDARF
Martina Göhring (MG): Welchen Bedarf am Markt und E-Learning-Potenzial gibt es für NetLIm?
Müller Phillips Sohn (MPS): Der Bedarf kann in folgenden drei Punkten aufgezeigt werden:
1. Jeder kann heute in Deutschland ohne Ausbildung Geschäfte mit Immobilien tätigen. Nötig ist nur eine Befreiung nach §34c HGB. Wir haben es also mit einer großen Zahl unqualifizierter Mitarbeiter in dieser Branche zu tun.
2. Immobilien bilden einen großen Teil des Bruttovermögens in Deutschland und da ist eine ordnungsgemäße Verwaltung und sachkundige Beratung von zentraler Bedeutung, nicht nur aus Sicht der Kunden sondern auch aus gesamtvolkswirtschaftlicher Sicht.
3. Der Markt setzt sich aus sehr vielen kleinen Firmen zusammen, die selbst aber nicht ausbilden. Es gibt daher viele Quereinsteiger.
Da Immobilien in Deutschland, bis auf ein paar Ballungszentren, flächendeckend verteilt sind, ist E-Learning für eine Aus- und Weiterbildung hier hervorragend geeignet. Allerdings zeigen sich die Verbände der Immobilienbranche noch etwas zurückhaltend, die durch E-Learning ihre Haupteinnahmequelle „Präsenzschulung“ gefährdet sehen und daher nur geringes Interesse daran haben, E-Learning Inhalte anzubieten bzw. im großen Stil zu verbreiten.
MG: Eine noch weit verbreitete Meinung, dass E-Learning die Existenz von Trainern gefährdet. Davon abgesehen, dass es interessant wäre, zu untersuchen, ob das so stimmt und von welcher Größenordnung wir hier sprechen, sehe ich aber durchaus kommenden Bedarf nach Neuorientierung und beruflicher Veränderung und Anpassung von Trainern an den zukünftigen Lernenden, der E-Learning Angebote bzw. Lernen übers Internet irgendwann einfordern wird. Diese Entwicklung kann niemand aufhalten.
NetLIm HEUTE
MG: Kommen wir zu den Realisierungspartnern von NetLIm: FBD Bildungspark, Fraunhofer IAO, BTB und der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen. Welche Rolle spielt NetLIm heute für diese Organisationen?
MPS: Das IAO hat in seiner Rolle als Forschungspartner ein Projekt-geschäftliches Interesse, aber kein Vermarktungsinteresse.
BTB hat für NetLIm eine IBM-basierte Plattform, ein LCMS mit virtuellem Klassenraum, entwickelt, die längst an ihre Grenzen stößt und nicht mehr vorrangig verfolgt wird. Aber wie bei allen Technologien gibt es auch hier einen Generationswechsel.
Bei uns im FBD Bildungspark wird NetLIm im Rahmen unserer IHK-Weiterbildung zum Immobilienfachwirt eingesetzt. Darüber hinaus nutzen unsere Kunden, Immobilienunternehmen, die Anwendung im Rahmen ihrer Training-on-the-Job Programme. Derzeit ist geplant, die Anwendung auf Sakai, ein Open Source LMS, umzustellen und für den virtuellen Klassenraum Vitero einzusetzen.
Die Hochschule Nürtingen-Geislingen hat NetlIm in ihrem Studiengang Immobilienwirtschaft integriert und erweitert. Dabei musste auch die Organisationsstruktur entsprechend angepasst werden.
MG: E-Learning in einem mehrjährigen Bachelor oder Masterstudiengang erfordert immer auch ein Blended Learning Konzept, d.h. Mischformen zwischen online Lernen und Präsenzveranstaltungen mit den Dozenten. Man kann sich leicht vorstellen, dass die traditionellen Strukturen der Hochschulen hier nicht mehr funktionieren und reorganisiert werden müssen. Das ist vermutlich mit ein Grund, dass sich E-Learning in Hochschulen nicht ganz so schnell verbreitet wie erhofft. Das Redesign vom Diplom- zum Masterstudium bietet hier sicher eine neue Chance für die Einführung von E-Learning.
QUALITÄT
MG: Derzeit wird im E-Learning immer wieder das Thema Qualität von Lerninhalten im Internet, insbesondere auch unter dem Aspekt von Open Content, also kostenlosem Inhalt, diskutiert. Was bedeutet im Falle von NetLIm überhaupt Qualität und wie wurde bzw. wird die Qualität der Inhalte sichergestellt?
MPS: Der Qualitätsbegriff befindet sich in einer angespannten Diskussion auf unterschiedlichen Ebenen, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte. In unserem Fall waren folgende „Qualitäten“ wichtig:
- Unterhaltungsqualität: Wie hat es den Teilnehmern gefallen?
- Prüfungsqualität: Wie gut bereiten die Inhalte auf die IHK- oder Hochschul-Prüfung vor?
- Transfererfolg: Wie gut sind die Inhalte in der Praxis zu verwenden?
- Inhaltsqualität: Wie aktuell und korrekt sind die Inhalte?
Da wir es mit dynamischen Inhalten zu tun haben, müssen wir in ganz besonderem Maße auf die Inhaltsqualität achten. Ein Beispiel: Aufgrund der Neuformulierung des Wohnungseigentumsgesetzes 2007 mussten die ganzen Einheiten komplett neu überarbeitet werden. Da nützt eine pädagogisch-didaktische oder visuelle Qualität nicht mehr viel, wenn die Inhalte nicht mehr der Rechtsprechung oder Gesetzgebung entsprechen. Ein weiteres Beispiel: Eine Eigentümerversammlung wird vorbereitet. Nun haben sich die Stimmrechte geändert, wie Stimmen gezählt werden, wann eine Versammlung beschlussfähig ist. Dann wird beim Training-on-the-Job aktuelles und korrektes, d.h. rechtssicheres Material erwartet, um zu vermeiden, dass das Versammlungsergebnis anfechtbar wird.
MG: Gibt es dabei eine Produkthaftung?
MPS: Eine interessante Frage! Ist bei uns noch nicht vorgekommen. Aber es ist durchaus denkbar, wenn jemand aufgrund eines nachweisbar nicht mehr aktuellen Inhaltes eine Prüfung nicht besteht und daraufhin klagt, dass der Inhalt fehlerhaft war.
MG: OK, wir wissen es beide nicht so genau. Wäre ein interessantes Thema für den D-ELAN, auch im Rahmen der Qualitätsdiskussion.
TECHNIK
MG: Dann würde mich noch interessieren, ob technische Voraussetzungen notwendig sind, um NetLIm nutzen zu können, sowohl als Endanwender als auch als Immobilienfirma, die NetLIm angepasst im eigenen Unternehmen einsetzen möchte.
MPS: Der Softwarelebenszyklus von NetLIm ist zu Ende und wir bekommen zunehmend Probleme mit Firmen, mit deren Produkte wir Inhalte erstellt haben z.B. Macromedia Flash, die diese aus der Wartung nehmen. Die Portierung müssen wir selbst machen, da z.B. Adobe keine Migrationssoftware zur Verfügung stellt. Zu NetLIms Zeiten hat man auch noch nicht daran gedacht, Inhalte von der Technologie zu trennen, wie das heute Standard ist und alle Inhalte in Standardformaten abzulegen. Da hatte man Autorentools, mit denen man Inhalte proprietär entwickelt hat. Damit ist für die Weiterentwicklung in der nächsten Generation ein erheblicher Aufwand verbunden. Aber da weitere Kunden anklopfen, werden wir wohl einen Generationswechsel vollziehen müssen.
PROJEKTRÜCKBLICK
MG: Wenn Du auf die LERNET-Projekte zurückblickst, hat es sich dann gelohnt und was waren die Lessons Learnt?
MPS: Wir haben eine ganze Menge über E-Learning gelernt, was wir auch in anderen Projekten und kommerziellen Vorhaben umsetzen. Unsere Erfahrungen sind:
- Wir kennen die Prozesse, wie man es macht,
- wir wissen um die Anforderungen der Lernenden, die unabhängig von Technologie, Branche, Qualifikationen u.ä. immer wieder dieselben sind.
- Es werden auch immer wieder dieselben Fragen gestellt.
Die Übertragbarkeit auf den Sportbereich oder auf Textilunternehmen, welche wir bedienen, gelingt ohne Probleme.
Ein Beispiel: Lernen, wann man will, ist aus meiner Erfahrung fast immer falsch. Firmen wollen fast immer vorgegebene Lernzeiten haben, einen Termin, bis wann ein Test erfolgen soll und wie lange ein Inhalt zur Verfügung steht. Ein gewisser Grad an Vorstrukturiertheit erhöht den Lernerfolg.
AUSBLICK
MG: Derzeit werden ja E-Learning 2.0 Ansätze entwickelt, die Lernplattformen mit Web 2.0 Tools ergänzen oder integrieren sollen. Gibt es eine Zukunft für NetLIm 2.0?
MPS: Web 2.0 ist nicht direkt in NetLIm vorgesehen, aber in vielen anderen Bereichen als Ergänzung. Wir experimentieren gerade in einigen Kursen mit Wikis. Ob wir das bei NetLIm auch machen, hat auch mit der Prüfungsordnung zu tun. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag gibt einen festen Inhaltsrahmen vor. Dafür werden Musterskripte entwickelt, von denen man nicht zu weit abweichen sollte, um die Verwendung zu sichern. Web 2.0 und User-generated-Content wird dann interessant, wenn eine neue Prüfungsordnung kommt und wir einen neuen Rahmenstoffplan entwickeln müssen, für den es noch keine Skripte gibt. Dann sind aber vermutlich nur noch Bruchstücke von NetLIm verwendbar. Die strukturelle Komponente von NetLIm ist dann veraltet. Kontexte, Aufteilungen, Strukturen, Werkzeuge u.a. müssen dann völlig neu gestaltet werden.
PRAXISCOMMUNITIES
MG: Online Communities sind auf dem Vormarsch. Ich spinne jetzt mal ein Szenario: Ich bin per NetLIm qualifiziert worden und arbeite nun als Immobilienverwalter und muss auf dem Laufenden bleiben. Gerade in diesem heiklen Arbeitsumfeld zwischen Verwaltung, Psychologie, Moderator, Überzeuger, Katalysator sehe ich viele Möglichkeiten für einen kommunikativen Raum mit sozialer Interaktion im Internet, in dem sich die Betroffenen austauschen und mit ihren Problemen kommen können. Ist schon eine Immobiliencommunity in Planung?
MPS: Bei uns nicht. Die Berufsbilder dieser Branche sind sehr divers. Diese reichen vom Makler, Bauträger, bis hin zum Mietwohnungsverwalter, Eigentumswohnungsverwalter, Facility Manager. Denkbar wäre natürlich eine diesbezüglich jeweils spezifische Ausrichtung einer Community. Auch die hohe Änderungshäufigkeit von Inhalten würde sinnvoll für eine Community sprechen. Wir haben erfolgreiche Communities für Steuerberater und Finanzbuchhalter. Im Immobilienmarkt ist die Zielgruppe derzeit noch nicht reif für Communities und soziale Netzwerke. Betonung auf NOCH NICHT.
MG: Eben alles zu seiner Zeit. Ich danke Dir für das interessante Gespräch!




3 Kommentare
Interessanter Beitrag, kann zustimmen: das Web 2.0 ist in der Immobilien-Branche noch nicht wirklich angekommen. Sieht man z.B. auch daran, dass relativ wenige Akteuer bei Netzwerken wie XING vertreten sind und die, die “drin sind”, nutzen die Möglichkeiten bei weitem nicht aus. Da sind andere Branchen wirklich weiter.
F. Huber
http://neubau-muenchen.com
Auf einigen Sites im Internet wurde dieses Thema aufgegriffen. Bei Der Makler Blog wurde als Ideal für Immobilienbüros die Form des “Rapid E-Learning” empfohlen. Kann ich persönlich gut nachvollziehen. Mir reicht oft auch eine Powerpoint Präsentation, um mein Wissen zu erweitern.
Auf Immobilienportale.de ist mir die Aussage in einem Kommentar aufgefallen: E-Learning könnte die alte These widerlegen, daß nur inhabergeführte Maklerbüros erfolgreich sind. Das spricht für sich.
Ein weiterer Kommentar spricht für das zeitunabhängige “selbständige Lernen”, das vor allem für KMU relevant ist.
Ich finde es immer noch erwähnenswert, wenn jemand sein Wissen als PowerPoint-Präsentation oder als eBook im PDF-Format, wie beispielsweise dieses eBook hier mit Wissenswerten rund um die Hausverwaltung, zur Verfügung stellt und man dieses Informationsobjekt dann über kommunikative Mechanismen, wie beispielsweise die Diskussion auf einem Blog verbreiten kann. Und dann vielleicht auch mal in Web 2.0-Lernumgebungen mit nutzen kann.
Ob das schon E-Learning und virales Marketing ist kann man hinterfragen. Aber es ist sicher ein Schritt auf dem Weg zur “Cloud Education”